Von wegen gleiche Chancen

Unterschiedliche ökonomische Startpunkte im Leben werden durch drei Figuren und Münzen dargestellt.

Bei unserem ersten Diversity Breakfast des Jahres haben sich unsere Kolleginnen Rebecca Caric und Sarah Riedenbauer einem Thema gewidmet, das im organisationalen Kontext bis heute auffallend wenig Beachtung findet und gleichzeitig eines der wirkungsvollsten Ungleichheitsmerkmale unserer Gesellschaft bleibt: Soziale Herkunft.

Zum Einstieg nutzten wir zwei Personas, Armin und Justin, um soziale Herkunft nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar zu machen. Ihre biografischen Skizzen zeigen klar, wie stark unterschiedliche Startbedingungen den Handlungsraum junger Menschen strukturieren. Während Armin von früh an Zugang zu stabilen Ressourcen, kulturellem Kapital und Bildungsnähe hat, erlebt Justin einen Alltag, in dem Unsicherheiten, begrenzte Unterstützung und fehlende Netzwerke die Norm sind.

Diese Gegenüberstellung ist kein moralischer Fingerzeig, sondern eine analytische Linse: Sie verdeutlicht, dass Erfolgschancen nicht primär aus individuellem Einsatz entstehen, sondern aus dem Zusammenspiel von familiären, sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Darauf aufbauend führten wir in die Frage ein, wie sich soziale Herkunft eigentlich zusammensetzt. Die Teilnehmenden erhielten einen Einblick in die verschiedenen Dimensionen dieses komplexen Konstrukts: ökonomische Voraussetzungen, kulturelle Codes, Bildungsnähe, Sprache, Netzwerke, Freizeitgestaltung und vieles mehr. Und auch, dass die soziale Herkunft kein einzelnes Merkmal ist, sondern ein Geflecht an sozialen, ökonomischen, normativen und kulturellen Bedingungen und Voraussetzungen.

REFLEXIONSÜBUNG „What’s classy if you’re rich and trashy if you’re poor?“

Um den Blick auf soziale Normen zu schärfen, wurde den Teilnehmer:innen die Reflexionsfrage (inspiriert von Social Media) gestellt: „What’s classy if you’re rich and trashy if you’re poor?“ bzw. „Was gilt als stilvoll, wenn es eine wohlhabende Person macht und gleichzeitig als unangebracht oder sogar peinlich, wenn es jemand mit wenig Geld macht?“. Diese Frage mag auf den ersten Blick spielerisch wirken aber legt den Fokus auf die wesentlichen Dinge. Denn oft geht es nicht um das Verhalten selbst, sondern darum, wem wir es zuschreiben.

Reflexionsübung "What's classy if you're rich and trashy if you're poor" als Wortwolke.

Für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Thematik der sozialen Herkunft wurde außerdem auf die Kapitaltheorie, nach Pierre Bourdieu, Bezug genommen. Dieser war französischer Soziologe und hat sich in seiner Berufslaufbahn vor allem mit sozialer Ungleichheit beschäftigt. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass es auch viele andere Theorien zur Thematik gibt, allerdings wurde aus Gründen den Anschlussfähigkeit die Kapitaltheorie gewählt.

Diese besagt, dass Erfolg, die soziale Position und die Macht eines Menschen in der Gesellschaft durch den Besitz und die Anhäufung von vier unterschiedlichen Kapitalformen bestimmt wird. Der Begriff Kapital kann dabei nicht nur mit Geld oder Währung übersetzt werden, da Bourdieu Kapital viel mehr als Ressource in einem bestimmten Bereich sieht. Folgende Kapitalarten gibt es lt. Bourdieu:

  • Ökonomisches Kapital – betrifft materielle Ressourcen
  • Kulturelles Kapital – betrifft kulturelle Ressourcen, kulturelle Objekte und Zugang zu Bildungseinrichtungen
  • Soziales Kapital – bezieht sich auf Soziale Beziehungen und Netzwerke, in Österreich das klassische „Vitamin B“
  • Symbolisches Kapital – bezieht sich auf den sozialen Status und Prestige innerhalb der Gesellschaft

Eindrucksvoll zeigen auch die präsentierten Zahlen wie sehr soziale Herkunft Einfluss auf den individuellen Alltag nimmt. Beispielweise gaben in der aktuellen Studie der Arbeiterkammer Wien (2025, unten verlinkt) befragte Personen auf die Frage, in welchen Lebensbereichen Klassismuserfahrungen gemacht wurden, im Schnitt fünf Orte an. Allen voran das Arbeitsleben mit 61%. Angesichts dieses Prozentsatzes ist eine Auseinandersetzung mit der Thematik auch im beruflichen Kontext unabdingbar. Aus diesem Grund zeigen die folgenden good practice-Beispiele an welchen Hebeln angesetzt werden kann, um soziale Herkunft im Unternehmen mitzudenken.

Link zur Studie: https://emedien.arbeiterkammer.at/viewer/image/AC17557768/

Organisationen können soziale Herkunft dann am wirksamsten entkoppeln, wenn soziale Durchlässigkeit nicht dem Zufall überlassen bleibt, sondern strategisch gestaltet wird.

Wie das aussehen kann, zeigen die ÖBB: konsequente Kompetenzorientierung, Karrierewege vom Lehrstart bis in leitende Funktionen und gezielte Programme für Quereinsteiger:innen, die unterschiedlichste Lebensrealitäten mitdenken. Der Fokus liegt klar auf Fähigkeiten statt formalen Bildungsbiografien: ein Ansatz, der nicht nur dem Fachkräftemangel begegnet, sondern soziale Aufstiegschancen systematisch eröffnet.

Einen ebenso bemerkenswerten Zugang verfolgen die Wiener Stadtwerke, die soziale Durchlässigkeit als strategisches Prinzip fest im Konzern verankert haben. Jobtauschformate, bereichsübergreifendes Mentoring und interne Entwicklungspfade schaffen ein Umfeld, in dem vielfältige Bildungs- und Berufswege als Wert gesehen werden. Besonders hervorzuheben: die Basic IT Academy. Ein bewusst niederschwelliges Ausbildungsprogramm, das Menschen ohne IT-Vorerfahrung einen realen Zugang zu einer Branche ermöglicht, die traditionell hohe Hürden setzt. Flexible Teilzeitmodelle, Gehalt ab Tag eins, ein strukturiertes Curriculum und ECTS-Punkte machen diese Qualifizierung greifbar und realistisch, gerade für jene, denen diese Wege bisher verschlossen blieben.

Beide Beispiele zeigen, wie kraftvoll Maßnahmen sein können, wenn soziale Herkunft aktiv mitgedacht wird. Und genau daran knüpft unsere anschließende Übersicht an: Neben Programmen und Entwicklungspfaden gibt es zahlreiche weitere Stellschrauben, von inklusiveren Auswahlkriterien über diversitätssensible Recruitingprozesse bis hin zu Mentoring, Opt-out-Mechanismen und konsequenter Antidiskriminierungsarbeit –, um Chancengerechtigkeit wirksam und nachhaltig zu verankern.

Unsere Frühstücksspende

Die Teilnehmenden aus Wien wurden auf Wunsch wieder mit einem Frühstückspaket versorgt. Für alle anderen Teilnehmenden wurde das Frühstück diesmal in eine Spende für Teach For Austria umgewandelt.

Teach For Austria ist eine gemeinnützige Organisation, die sich seit dem Jahr 2012 für Bildungsfairness in Österreich einsetzt. Durch den Einsatz hochqualifizierter Fellows an sozial hoch belasteten Bildungsstandorten trägt Teach For Austria dazu bei, die Bildungs- und Zukunftschancen von Kinder und Jugendlicher zu verbessern.

Wenn Sie individuell unterstützen möchten, tun Sie das bitte hier:

Teach For Austria
Erste Bank
IBAN: AT49 2011 1828 9751 7900
BIC: GIBAATWWXXX

Wir freuen uns auf weiteren Austausch bei unserem nächsten Event zum Thema „Inklusive Toiletten am Arbeitsplatz. Was? Wie? Warum?“ und laden Sie herzlich ein zu unserem Diversity Lunchbreak am 12. März 2026 ein. Die Anmeldung ist ab sofort möglich. Melden Sie sich bitte direkt hier unten für unseren Newsletter an, dann erinnern wir Sie zeitgerecht an alle kommenden Termine.

Wir dürfen Ihnen zum Thema „Soziale Herkunft“ außerdem das Praxisbuch für Unternehmen unserer Kolleginnen Rebecca Caric und Sarah Riedenbauer: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-49087-4 empfehlen. Darin enthalten sind auch die beiden Good Practice – Beispiele aus dem Diversity Breakfast und zwei weitere Unternehmen, welche soziale Durchlässigkeit im Arbeitsalltag mitdenken.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Logo Wiener Stadtwerke
Logo Generali
Logo Coca-Cola HBC
Logo COME AS YOU ARE
sky Logo
Logo Erste Group
EVN Logo
Logo arbeitswelten
nach oben scrollen