Die vergessenen Diversity-Dimensionen

Gruppe von Geschäftsleuten im Bürohaus

Beim vierten und letzten Diversity Breakfast des Jahres mit über 100 interessierten Gästen legten wir den Fokus auf zwei Dimensionen, die im Unternehmen oft vergessen oder bewusst außen vor gelassen werden: Sexuelle Orientierung und Religion.

Zur Einführung verwies Manuel Bräuhofer auf die Ergebnisse seiner Studie „Kulturelle Vielfalt in Unternehmen“ aus dem Jahr 2018: Fast die Hälfte der Befragten hält Sexuelle Orientierung für gar nicht relevant im Unternehmen, nur ein Fünftel für sehr oder eher relevant. Religion wird von 37% als gar nicht relevant im Unternehmen eingestuft, nur von knapp einem Viertel als sehr oder eher relevant.

Im Diversity-Modell „Rad der Vielfalt“ stehen diese Dimensionen aber sehr wohl auf einer Ebene mit den Dimensionen Alter, Geschlecht, Ethnische Zugehörigkeit und physische/psychische Fähigkeiten: Im Zentrum des Modells, als „Kerndimensionen“, weil sie eben unsere Persönlichkeit ausmachen und zudem kaum veränderbar sind.

Wer eine faire und gleichberechtige Unternehmenskultur prägen und leben möchte, darf diese Dimensionen schlicht nicht vergessen.

Dass Sexuelle Orientierung keine reine Privatsache ist, konnten die Teilnehmenden anhand der interaktiven Übung „Verliebt in Alex“ mit Daniela Ekl spüren: Eine Gruppe verliebte sich in eine:n gegengeschlechtliche:n Alex, die andere Gruppe verliebte sich in eine:n gleichgeschlechtliche:n Alex. Dann galt es, 15 Fragen mit ja oder nein zu beantworten: Etwa ob sie Alex den Freund:innen ihrer Eltern vorstellen könnten, Alex zu einem Essen bei der Führungskraft mitkommen könnte oder sie sicher sein können, dass nicht über ihre sexuelle Orientierung gesprochen wird, wenn sie in eine neue Gruppe kommen. Hier war sich die gleichgeschlechtlich verliebte Gruppe absolut einig: Null Teilnehmende konnten diese Frage mit „ja“ beantworten. Denn in jedem neuen Umfeld müssen LGBTIQ-Personen neu entscheiden: Coming Out – ja oder nein? Dabei gilt es zu bedenken:

Mehr als die Hälfte der LGBTIQ-Personen in Österreich hat bereits Diskriminierungen im Job erlebt.

Oft verschweigen Menschen, dass sie lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell oder queer sind. Sie wenden sogar bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitsleistung dafür auf, ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft oder sexuelle Identität zu verheimlichen. Eine aktuelle Studie zeigt: Das erste Jahr in einem Unternehmen entscheidet, ob Menschen sich so einbringen, wie sie sind. Ohne LGBTIQ-Initiativen im Unternehmen entscheiden sich 4 von 10 Personen für ein Coming Out; mit Initiativen immerhin 7 von 10. Kurz:

In offenen Unternehmen können mehr Menschen dazu stehen, wer sie sind und wen sie lieben – und sich im Job aufs Wesentliche konzentrieren.

Ein Best Practice Beispiel für Offenheit im Unternehmen präsentierte Pavel Subrt von der Raiffeisen Bank International sehr persönlich: Als er sich 2015 mit seinem Mann verpartnerte, reichte er ein Foto für die Hochzeitsseite im Mitarbeiter:innenmagazin ein. Nach der Rückmeldung („Ja natürlich drucken wir das ab.“) blieb noch die Nervosität rund um die Veröffentlichung. Dann folgten viele herzliche Gratulationen und die große Erleichterung. Danach hat es noch drei Jahre gedauert bis zur Gründung der RBI Regenbogengruppe EMBRACE mit dem Ziel, offen ihre Identitäten zu zeigen und Bewusstsein rund um LGTBIQ zu schaffen. Auch „Straight Allies“ haben EMBRACE bereits in der Gründungsphase unterstützt und in ihrem Tun bestärkt. Unterstützung und Budget für die Aktivitäten der mittlerweile über 250 Mitglieder starken Regenbogengruppe kommt direkt aus dem Top-Management vom EMBRACE RBI Senior Management Ally. Unter anderem arbeitet die Gruppe an der Sichtbarkeit der bunten Vielfalt sexueller Orientierungen und Identitäten. Das aktuelle Herzprojekt verbindet die RBI mit unserem zweiten Best-Practice-Unternehmen IKEA: Beide Unternehmen unterstützen prominent die Petition für eine diskriminierungsfreie Blutspende. Denn schwule Männer und Transgender sind derzeit rechtlich völlig davon ausgeschlossen: Sie dürfen kein Blut spenden.

Nicole Steger treibt als Equality Diversity & Inclusion Leaderin bei IKEA das Ziel voran, weltweit Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung zu werden und eine Arbeitsumgebung zu schaffen, wo sich alle sicher, respektiert und angenommen fühlen. Ein wichtiger Schritt hier ist jeden Menschen mit all seinen Identitäten anzunehmen, Verständnis und Bewusstsein zu schaffen, damit jede:r so sein kann wie er:sie ist. Dazu gehören auch die tiefsten persönlichen Überzeugungen. Bereits beim Onboarding für neue Mitarbeiter:innen erhalten alle einen Infozettel zu den fünf verbreitetsten Religionen der Welt (Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum, Hinduismus) für ein besseres Verständnis füreinander und um Vorurteile abzubauen. Bei Dienstkleidung und Speisenangebot wird auf religiöse Bedürfnisse geachtet und in einigen Units wurden Gebetsräume geschaffen. Glückwünsche gibt es nicht nur rund um Weihnachten, sondern auch zu den wichtigsten Feiertagen aus anderen Religionen. Auch bei der Dienstplanung wird Rücksicht genommen und ein gegenseitiges Geben und Nehmen gelebt.

Die Religionszugehörigkeit sagt nichts darüber aus, wie religiös jemand lebt. „Konfessionslos“ ist die am stärksten wachsende Gruppe in Österreich. Dennoch prägt Religion uns alle – mehr als wir glauben.

Außerdem setzt sich IKEA dafür ein, dass Mitarbeiter:innen aller sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten sie selbst sein können. Dazu gibt es einen LGBT+Inklusionsplan mit systemischem Ansatz von der entsprechenden Haltung bei allen Mitarbeiter:innen bis zu unterstützenden Rahmenbedingungen: Schulungen zu Begrifflichkeiten rund um LGBT+ gibt es bereits beim Onboarding neuer Mitarbeiter:innen und danach laufend gegen Vorurteile. Alle bekommen die gleichen Sozialleistungen (z.B. bei Eheschließung/Verpartnerung), es wird eine inklusive Sprache im Unternehmen gepflegt, der Internationaler Tag gegen Homophobie wird groß gefeiert, Mitarbeiter:innen sowie ihre Kolleg:innen werden rund ums Thema Transition unterstützt und es gibt ein LGBT+ Mitarbeiter:innen Netzwerk.

Zum Abschluss weitete Peter Rieder noch den Blick auf eine weitere Dimension, die vermehrt als Kerndimension beachtet wird: Soziale Herkunft als 7. Dimension. Sie setzt sich zusammen aus familiärem Hintergrund, Sozialisation in der Jugend, Bildung und ethnischer Herkunft und will den Leistungsmythos aufbrechen, dass alle ihr Glück und ihren Erfolg selbst in der Hand haben. Dazu ein Buchtipp aus dem Publikum: Im Buch „Klassenreise – Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“ werden elf Personen porträtiert, deren Geschichten deutlich machen, wie stark uns die soziale Herkunft prägt.

Unsere Frühstücksspende

Wie immer wurde pro Teilnehmer:in am kostenlosen Diversity Breakfast, der:die keine Frühstückslieferung bekommen hat, unser Spendentopf gefüllt. Diesmal unterstützen wir einer Familie im Libanon: Peter Rieders Nachbarsfamilie ist 2015 nach Österreich geflüchtet. Die Geschwister und Eltern der Mutter leben noch im Libanon in einem der großen Palästinenser-Camps im Süden des Landes. Vor einigen Wochen ist die Wohnung des Bruders von einer Panzerfaust getroffen worden und ausgebrannt. Seitdem leben seine Familie und die der Schwester samt Kindern bei den Eltern auf 50 Quadratmetern zusammen. Die Preise für Lebensmittel traben im Libanon davon und aufgrund der Krise hat derzeit kaum wer einen Job. Die Spende dieses Breakfasts sichert der Familie zumindest in den kommenden Wochen das Überleben.

Auf Nachfrage aus dem Publikum, ob man direkt noch etwas beitragen kann, nennen wir gerne das Spendenkonto: AT88 3200 0090 1206 1404 lautend auf Peter Rieder, der jeden Cent zur Familie Abdulhadi in den Libanon weiterleitet. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

Wir freuen uns auf weiteren Austausch bei unserem nächsten Diversity Breakfast am 26. Jänner 2022 zum Thema „Vorspiel statt Nachspiel: Vermeidung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz“ und laden Sie herzlich ein: Die Anmeldung ist ab sofort möglich. Melden Sie sich bitte direkt hier unten für unseren Newsletter an, dann erinnern wir Sie auch an alle kommenden Breakfast-Termine.

Mit freundlicher Unterstützung von:

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